Karate zur Selbstverteidigung: Mentale Vorbereitung.

Das Verständnis der Funktionsweise des Reptiliengehirns hilft uns.
Wie helfen uns eine positive Einstellung, die Atmung und die Intuition?
Karate zur Selbstverteidigung: mentale Vorbereitung.
Ritual und Überleben:
In der Tierwelt:
Das Ritual findet zwischen Männchen derselben Art statt. Das Ziel ist die Anerkennung der Überlegenheit, um die Art zu führen und zu erhalten. Es beginnt mit einer Provokation, dann folgt die Auseinandersetzung bis hin zur Unterwerfung. Die Auseinandersetzung ist äußerst hart, verläuft jedoch in der Regel ohne Verletzungen oder Beeinträchtigung lebenswichtiger Organe, also nach eigenen Regeln. Es ist ein männliches Machtspiel.
Um das Überleben geht es immer nur zwischen verschiedenen Arten. Raubtiere provozieren so die Flucht der Beute, ihre Resignation (in Akzeptanz ihres Schicksals), es sei denn, die Beute stellt sich ihnen in ihrer Verzweiflung entgegen.
Alle Kampfsportarten werden im „rituellen“ Modus und nicht im „Überlebensmodus“ ausgeübt!
Es gibt keine Ausnahme, denn alle haben Regeln, die eine (zu schwere) Gesundheitsbeeinträchtigung verhindern!
(Leider versuchen einige Kampfsportarten, uns das Gegenteil glauben zu machen.)
Erkenntnis:
Das Training im Dojo findet ausschließlich im „Ritual“-Modus statt, wobei das Säugetier- oder Emotionsgehirn aktiviert und das dritte Gehirn, der Neokortex oder das analytische Gehirn, genutzt wird.
Das Reptiliengehirn hingegen greift ein, wenn Gefahr droht. Es übernimmt die Kontrolle über alles. Es kann dem Säugetiergehirn Fragen stellen, das wiederum das analytische Gehirn befragen kann. Aber es kann die beiden anderen jederzeit in einer Selbstverteidigungsreaktion hemmen.
Die Angst vor Gefahr setzt Adrenalin frei, das den Körper auf Flucht oder Kampf vorbereitet (Fight-or-Flight-Reaktion).
Adrenalin steigert die Aggressivität, den Blutdruck und die Herzfrequenz stark an, um die Muskeln – insbesondere die vorderen (die im Nahkampf am stärksten beansprucht werden) – schnell mit Sauerstoff zu versorgen. Cortisol wandelt Fett in Zucker um.
Stress führt zu Verspannungen im Körper (Nacken, Schultern, Brust) und hemmt die Atmung. Die Ausschüttung von Hormonen beeinträchtigt die Feinmotorik, verstärkt den Tunnelblick (Einschränkung des Sichtfelds auf 30°), was insgesamt zu einer starken Beeinträchtigung des Urteilsvermögens und der Klarheit führt.
Da die üblichen Trainingsbedingungen „ohne extremen psychischen Druck“ stattfinden – in dem Sinne, dass keine ernsthafte Gefährdung und keine reale Bedrohung vorliegt –, erfolgt das Training im „Ritualmodus“ und keinesfalls im „Überlebensmodus“.
Das Ritual aktiviert den Teil des Säugetier- oder Emotionshirns, während das Überleben den Teil des Reptilien- oder Motorhirns aktiviert. Da es sich um unterschiedliche Funktionen handelt, verbessert man das Verhalten des einen nicht, indem man die anderen aktiviert.
Lehren:
Auch Kampfsportlehrer tragen eine große Verantwortung, sowohl in spiritueller als auch in technischer Hinsicht: Sie müssen darauf achten, dass mit den Fortschritten eines Schülers und seiner zunehmenden Effizienz auch sein Geist reift und er eine Haltung einnimmt, bei der er den Einsatz seiner Fähigkeiten ausschließlich auf Situationen des äußersten Notfalls beschränkt. Es ist ebenfalls wichtig, dass ein Karate-Anfänger ein Maß an Selbstvertrauen besitzt, das seinem tatsächlichen Niveau entspricht. Die übliche Tendenz ist, dass sich ein Karateka sehr schnell für stark hält, was ihn in eine riskantere Situation bringen kann, als wenn er Vorsicht und Demut an den Tag legen würde.
Unveränderlichkeit des Reptiliengehirns:
Der Nachteil des Reptiliengehirns besteht darin, dass es nur über ein sehr begrenztes zeitliches Gedächtnis verfügt – zwischen einigen Stunden und drei Tagen –, das nur unter großem Aufwand erworben werden kann.
Es ist nur schwer, ihm neue Fähigkeiten beizubringen, und es wird diese nur für eine begrenzte Zeit behalten.
Man kann sein Gehirn nicht zum Schlafen zwingen, indem man sich sagt: „Ich muss schlafen“, aber man kann dennoch die notwendigen Voraussetzungen für das Einschlafen schaffen. Das mentale Training zur Selbstverteidigung muss daher anders gestaltet werden.
Positive Einstellung:
Bei einer positiven, selbstbewussten und beruhigenden Einstellung aktiviert das parasympathische Nervensystem unter anderem das Hormon Oxytocin. Da Emotionen ansteckend sind, sorgt das eigene Selbstvertrauen für Ruhe, und diese Ruhe mildert die Aggressivität des Angreifers und zeigt, dass ein Kampf sinnlos ist. Das beseitigt zwar nicht die Gefahr, aber Positivität und Entspannung helfen und tragen dazu bei, das Verhalten anderer zu verbessern.
Die Atmung:
Bei emotionalem Stress schüttet der Körper zudem Adrenalin aus, das die Feinmotorik beeinträchtigt und unsere Wahrnehmung sowie unsere Klarheit trübt. Üben wir uns darin, diese Ausschüttung zu reduzieren, um so lange wie möglich die Kontrolle zu behalten.
Ein entspannter und geschmeidiger Körper ist beweglicher und leistungsfähiger als ein angespannter. Indem wir Verspannungen lösen, gewinnen wir die Fähigkeit zurück, uns effektiv zu bewegen. Ein entspannter Körper, der einen Schlag ausführt, gibt nur wenige Hinweise preis und lässt sich schwer deuten. Entspannt zu sein ermöglicht es, die Spannungen der Gegner zu spüren; so kann man diese mit geringem Aufwand und großer Effizienz gegen sie einsetzen.
Lies noch einmal meinen vorherigen Artikel über die Atmung mit den verschiedenen Übungen, wie zum Beispiel die explosive Atmung, die Stress abbaut, wenn man unter Druck steht.
Intuition und Blockaden lösen:
Eine Geste, die nach reiflicher Überlegung und mit den besten Absichten der Welt ausgeführt wird, wird niemals denselben Funken entfachen wie eine intuitive Geste.
Zu viel Form tötet die Spontaneität.
Spontane Handlungen sind immer die besten. Die richtige Handlung ist intuitiv, sie liegt in uns.
In der Kampfkunst besteht die Arbeit an der Verbesserung nicht darin, Wissen hinzuzufügen oder neue Techniken zu erlernen, sondern darin, das zu entfernen, was uns blockiert, das, was überflüssig ist, um das freizusetzen, was bereits vorhanden ist. Dann sind Körper und Geist frei, intuitiv das Richtige zu tun, wann es nötig ist.
Fazit:
Gewöhne dir an, außerhalb deiner Komfortzone zu trainieren und mit allen Sinnen aufmerksam und wachsam zu bleiben.
Lernen, richtig zu atmen und seiner Intuition zu vertrauen.
„Der Geist ist wichtiger als die Technik“
· Das bedeutet: Wenn der Geist nicht sein volles Potenzial entfaltet, nützt das, was man technisch gelernt hat, nichts!
· Er bestimmt, was der Körper tut, und er ist es auch, der einen Gegner abschreckt und einen Kampf gewinnt, ohne
zu kämpfen.
Der Zustand der Wachsamkeit ist: wahrnehmend, intuitiv, aufmerksam, wachsam, klar und präsent. Ein objektives Bewusstsein ermöglicht es, ganz einfach, treffsicher und im richtigen Moment zu handeln.
Literaturhinweise: „Chroniques Martiales“ von Henry Plée; „L’Art sublime et ultime des points Vitaux“ von Henry Plée; „De l’aïkido au systema“ von Chris Peytier

