Karate zur Selbstverteidigung: Technische Vorbereitung außerhalb des Dojos

Wenn man den vertrauten Rahmen eines großen, flachen und gut beleuchteten Dojos verlässt und einen Gi trägt, ändern sich unsere Vorurteile.
Jede Technik zeichnet sich durch ihren eigenen Schwierigkeitsgrad, ihre Komplexität sowie ihre Wirksamkeit und Gefährlichkeit aus. Es geht darum, die geeigneten Techniken für die Selbstverteidigung auszuwählen.
Das Training im Dojo findet im Karate-Gi und barfuß auf hartem oder weichem, aber stets glattem und ebenem Boden statt; meist ist das Dojo großzügig angelegt. Die Umgebung auf der Straße ist ganz anders.
Für diejenigen, die nur im Dojo trainieren, ist es an der Zeit, gemeinsam mit einem Freund die Auswirkungen bestimmter Veränderungen zu testen:
- BELEUCHTUNG: Im Halbdunkel, im Schein einer Kerze, im Dunkeln; in dunkler Kleidung.
- KLEIDUNG: Mit einem dicken Pullover, einer Jacke, Handschuhen; mit einem Helm, einer Mütze oder einer Sonnenbrille; mit verschiedenen Taschen; in Turnschuhen, in schicken Pumps, in Schuhen mit Absatz, barfuß.
- BÖDEN: Auf unebenem, steinigem, sandigem Gelände, im Schnee oder auf nassem, vereistem, abschüssigem Untergrund.
- UMGEBUNG: In einer engen Straße, am Straßenrand, auf einer Treppe, umgeben von Tischen und Stühlen.
Einen Überblick über unseren Beherrschungsgrad, die verschiedenen Techniken und deren Anwendungsfälle gewinnen.
Der erste Schritt besteht darin, die bekannten Techniken aufzulisten und sie zu kategorisieren:
- Nach dem Grad der Beherrschung
o Nicht beherrscht
o Beherrscht
o Beherrscht mit hoher persönlicher Kompetenz
- Nach Komplexität und Wirksamkeit
o Einfach
o Einfach und betrifft sensible Bereiche oder Punkte
o Erfordert die Beherrschung mehrerer Parameter
- Je nach ihrer Wirkung
o Abwehren, fernhalten, sich befreien
o Festhalten
o Schockieren oder durchrütteln
o Zu Fall bringen
o Betäuben oder bewusstlos machen
o Einen Knochen brechen, einen Muskel oder eine Sehne zerreißen
o Ein lebenswichtiges oder empfindliches Organ verletzen
Anschließend geht es darum, den Einsatz der Techniken entsprechend den Umständen zu klassifizieren:
- „Ritueller“ Kampf *:
o Nur einfache, sicher beherrschte Techniken anwenden und, wenn möglich, solche, in denen man sich besonders gut auskennt.
o Solange man auf der Ebene des „Rituals“ bleibt, sollten nur Techniken angewendet werden, die abwehren, freimachen, auf Distanz halten, immobilisieren oder durchschütteln. Techniken, die einen Sturz bewirken, dürfen nur angewendet werden, wenn sie bis zur Landung vollständig und kontrolliert beherrscht werden.
o Die Fäuste immer geschlossen halten. Niemals auf empfindliche oder lebenswichtige Körperteile zielen.
- Kampf ums Überleben *:
o Techniken, die zum Sturz führen, bewusstlos machen, Knochen brechen, Gewebe zerreißen oder auf empfindliche Bereiche oder lebenswichtige Organe abzielen, dürfen nur in Situationen angewendet werden, in denen es um Leben und Tod geht. Nur in diesem Fall sollten die bevorzugten, eingespielten und einfachen Techniken unter den 30 natürlichen Waffen des Körpers eingesetzt werden, um so das volle Potenzial der Kampfkunst ohne jegliche Zurückhaltung zu entfalten.
* Die Tierwelt unterscheidet zwischen „rituellen“ und „Überlebens“-Kämpfen:
- Das Ritual findet in der Regel zwischen Männchen derselben Art statt. Das Ziel ist die Anerkennung der Dominanz, um die Art zu führen und zu erhalten. Es beginnt mit einer Provokation, gefolgt von Unterwerfung oder einer Auseinandersetzung. Die Auseinandersetzung ist äußerst hart, erfolgt jedoch ohne die Absicht zu verletzen oder lebenswichtige Punkte anzugreifen, also unter Einhaltung eigener (Spiel-)Regeln.
- Das Überleben spielt sich im Wesentlichen zwischen verschiedenen Arten ab und stellt Raubtiere und Beutetiere einander gegenüber. Raubtiere provozieren Flucht, Resignation (in Akzeptanz des eigenen Schicksals) oder eine Abwehrreaktion, die darauf abzielt, um jeden Preis die eigene Haut zu retten.
Fazit:
- Unsere Verteidigungsfähigkeit kann unter bestimmten Bedingungen stark eingeschränkt sein. Zum Beispiel bei ungewohnter Kleidung und Schuhen, bei schlechten Lichtverhältnissen, auf ungewöhnlichem Untergrund und in überfüllten Umgebungen. Eine Anpassung an diese Bedingungen ist nur durch entsprechendes Training möglich.
- Im Laufe des Trainings ist es normal, im Dojo die gesamte Bandbreite der im Karate existierenden Techniken zu erlernen. Man muss jedoch hinsichtlich ihrer Anwendung und Wirksamkeit im Verhältnis zu den eigenen Fähigkeiten realistisch bleiben.
- Eine rituelle Provokation, bei der Egos aufeinanderprallen, muss eine angemessene (verhältnismäßige) Reaktion erhalten, um die Konfrontation zu beenden oder zu unterbrechen. Wenn Leben auf dem Spiel steht, darf das gesamte Spektrum unserer natürlichen Verteidigungsmittel eingesetzt werden.